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Freiheit oder Ausweg – Im Ökogarten ist der Affe los

9.11.2018

Szenische Lesung 1Schauspiel nach Franz Kafka begeisterte die Oberstufenschüler*innen der IGS Peine

Zuerst ist da nur ein Mensch im schwarzen Anzug in der Ecke des Gewächshauses im Ökogarten der IGS Peine, man sieht ihn nur von hinten, irgendwie bedauernswürdig, wie er da liegt, scheinbar schlafend. „Alles okay mit dir?“, würde man ihn gerne fragen. Die Schüler*innen der Deutschkurse der Oberstufe tuscheln aufgeregt. Eigentlich soll doch hier eine Lesung stattfinden – die Wände sind mit Vorhängen abgehängt, vorne steht ein Lesepult. Plötzlich erfüllen grunzende und schmatzende Laute den „Saal“ – der Mann dreht sich um – und ein Affe blickt plötzlich erschrocken, aber auch neugierig in die Gesichter der Zuschauer*innen. Er scheint sie zu fixieren, er hüpft auf das Pult, er taxiert seine „Gegenüber“, er räuspert sich, er spricht - Menschenworte.

Szenische Lesung 2Und schon ist man mittendrin im Stück „Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka. Und erlebt, im wahrsten Sinne des Wortes, wie aus einer Erzählung ein Theaterstück wird. Wie der Affe mit dem ungewohnten menschlichen Aufrechtgehen kämpft, von seiner Gefangennahme und Zähmung berichtet. Wie er mühsam übt, die seltsamen Sitten und Gebräuche der Menschen zu erlernen, wie er leidet, sich geschickt aneignet, was die scheinbar beneidenswerten Menschen ihm beibringen. Zuerst allerlei Kunststückchen, dann das Trinken aus einer Schnapsflasche.

Szenische Lesung 3Der Berliner Schauspieler Guido Schmitt vollbringt eine wahre Meisterleistung. Gebannt leben und leiden die Zuschauer mit ihm, es ist mucksmäuschenstill, nur selten wird getuschelt. Auch an scheinbar komischen Stellen, etwa wenn der Affe betrunken durch die Gegend taumelt oder die Flöhe aus den Haaren der Mädchen in der ersten Reihe pickt, bleibt einem das Lachen gleich wieder im Halse stecken.

Im anschließenden Gespräch mit dem Künstler wollen die Schüler*innen viel wissen. Nicht nur Inhaltliches – zum Beispiel, warum denn der Affe so positiv über seine Peiniger spricht, obwohl sie ihn grausam quälen? Oder wie das denn genau mit der Freiheit gemeint gewesen sei? Ist der Affe freier als die Menschen? Oder sind beide sich zu ähnlich, gekettet aneinander und gefangen miteinander im großen Käfig des Lebens?

Szenische Lesung 4Aber es interessiert eben auch, wie man Schauspieler wird. Wie sich Guido Schmitt auf seine Rollen vorbereitet. Wie er sich einfühlt in solch eine abstruse, merkwürdige Kreatur. Fasziniert lauschen alle seinen Schilderungen von dem Besuch im Zoo, von der besonderen Körperlichkeit, mit der man so eine Rolle angehen muss.

Begeisterter Applaus belohnt den Künstler am Ende für seine grandiose Vorstellung. Und wie passend: Selbst die Kanarienvögel hinter dem Vorhang, die eigentlich in diesem Gewächshaus wohnen, scheinen mit ihrem Piepsen und Quietschen den Affen noch eine ganze Weile zu begleiten.

Verfasst von Agnes Koller, Lehrerin für Deutsch und Darstellendes Spiel an der IGS Peine

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